Softwarequalität nach ISO/IEC 25010: Woran man gute Software erkennt
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Softwarequalität, ISO/IEC 25010, ISO/IEC 9126, Qualitätsmerkmale, Nichtfunktionale Anforderungen, Zielkonflikte, Qualitätssicherung, Nutzungsqualität, ISO/IEC 25019
tl/dr; (ca. 22 min Lesezeit): „Die Software soll gut sein“ ist keine Anforderung. Die Norm ISO/IEC 25010 zerlegt Qualität in Merkmale wie Funktionalität, Zuverlässigkeit, Benutzbarkeit, Effizienz, Sicherheit, Wartbarkeit und Übertragbarkeit. Der Artikel erklärt alle Merkmale an einem durchgehenden Beispiel, nennt die englischen Fachbegriffe, vergleicht die Fassungen 2011 und 2023 mit der Vorgängernorm ISO/IEC 9126 und zeigt, wie Du Qualitätsanforderungen messbar formulierst, Zielkonflikte erkennst und passende Maßnahmen zur Qualitätssicherung auswählst [AI-Assisted]. (Zuletzt geändert am 28.10.2026)
Dieser Artikel ist Teil einer Artikelreihe über Softwarequalität und Testen: Softwarequalität nach ISO/IEC 25010 / Teststrategie und Qualitätssicherung / Usability und Barrierefreiheit / Übungsaufgaben zur Softwarequalität
Schon fit in diesem Thema? Nutze die Kann-Liste und die Leitfragen unter dem Artikel als Checkliste, ob Du die relevanten Kompetenzen bereits hast.
Als Grundlagen der Softwarequalität kann ich nach Durchlesen des Artikels…
… erklären, warum Softwarequalität in einzelne Merkmale zerlegt wird, und die Normen ISO/IEC 25010 und ISO/IEC 9126 einordnen.
… die Produktqualitätsmerkmale nach ISO/IEC 25010 nennen und jedes Merkmal mit eigenen Worten und mit Bezug zu einer konkreten Anwendung beschreiben.
… die englischen Bezeichnungen der Merkmale (Functional Suitability, Reliability, Usability, Performance Efficiency, Security, Maintainability, Portability, Compatibility) verstehen und einem englischen Fachtext zuordnen.
… Aussagen und Anforderungen dem passenden Qualitätsmerkmal und Teilmerkmal zuordnen.
… Qualitätsanforderungen messbar formulieren.
… Zielkonflikte zwischen Qualitätsmerkmalen an Beispielen erläutern.
… zu einem Vorschlag zur Qualitätssicherung begründet Stellung nehmen und Maßnahmen nennen, mit denen einzelne Merkmale geprüft werden.
Darüber hinaus kann ich als Expertenwissen zur Softwarequalität…
… die Änderungen der Fassung ISO/IEC 25010:2023 (Interaktionsfähigkeit, Flexibilität, Betriebssicherheit) gegenüber 2011 erläutern.
… Produktqualität und Nutzungsqualität (ISO/IEC 25019) unterscheiden.
… Teilmerkmale gezielt auswählen, um die Qualitätsziele eines Projekts zu priorisieren.
Stell Dir vor, Du fragst fünf Menschen, was eine „gute“ Mitfahr-App ausmacht. Die Schülerin antwortet: „Sie muss einfach zu bedienen sein.“ Die Datenschutzbeauftragte: „Sie darf keine Wohnadressen verraten.“ Die Netzwerkadministratorin: „Sie darf das Schulnetz nicht ausbremsen.“ Der Entwickler: „Man muss sie später leicht erweitern können.“ Und der Schulleiter: „Sie muss am ersten Schultag laufen.“ Alle haben recht – und alle meinen etwas anderes mit „Qualität“.
Damit über Qualität nicht nach Bauchgefühl gestritten wird, beschreibt die internationale Norm ISO/IEC 25010 ein Qualitätsmodell: Qualität wird in Merkmale (characteristics) und diese wieder in Teilmerkmale (subcharacteristics) zerlegt. So kannst Du Qualitätsanforderungen vollständig sammeln, Prioritäten setzen und später prüfen, ob sie erfüllt sind. Als durchgehendes Beispiel dient die (fiktive) Mitfahr-App „RatzFahrt“ eines Bielefelder Berufskollegs, mit der sich Auszubildende zu Fahrgemeinschaften für die Berufsschultage verabreden.
Wo die Norm herkommt: ISO/IEC 9126 und die 25000er-Reihe
Die ISO/IEC 25010 gehört zur Normenreihe ISO/IEC 25000, die unter dem Namen SQuaRE (Systems and software Quality Requirements and Evaluation) Qualitätsanforderungen und deren Bewertung beschreibt. Ihre Vorgängerin war die ISO/IEC 9126, die 2011 durch die erste Fassung der ISO/IEC 25010 ersetzt wurde. 2023 erschien eine überarbeitete Fassung.
In Lehrbüchern, Ausschreibungen und Aufgaben begegnen Dir alle drei Stände. Die Merkmale sind sich so ähnlich, dass Du sie leicht ineinander übersetzen kannst:
| ISO/IEC 9126 (2001) | ISO/IEC 25010:2011 | ISO/IEC 25010:2023 |
|---|---|---|
| Funktionalität (Functionality) | Funktionale Eignung (Functional Suitability) | Funktionale Eignung (Functional Suitability) |
| Effizienz (Efficiency) | Leistungseffizienz (Performance Efficiency) | Leistungseffizienz (Performance Efficiency) |
| – (Teil der Funktionalität bzw. Übertragbarkeit) | Kompatibilität (Compatibility) | Kompatibilität (Compatibility) |
| Benutzbarkeit (Usability) | Benutzbarkeit (Usability) | Interaktionsfähigkeit (Interaction Capability) |
| Zuverlässigkeit (Reliability) | Zuverlässigkeit (Reliability) | Zuverlässigkeit (Reliability) |
| – (Teil der Funktionalität) | Sicherheit (Security) | Sicherheit (Security) |
| Änderbarkeit (Maintainability) | Wartbarkeit (Maintainability) | Wartbarkeit (Maintainability) |
| Übertragbarkeit (Portability) | Übertragbarkeit (Portability) | Flexibilität (Flexibility) |
| – | – | Betriebssicherheit (Safety) |
Die ISO/IEC 9126 kennt also sechs Merkmale, die ISO/IEC 25010:2011 acht und die Fassung von 2023 neun. Die deutschen Bezeichnungen sind nicht amtlich festgelegt; „Änderbarkeit“ und „Wartbarkeit“ meinen dasselbe (Maintainability), ebenso „Funktionalität“ und „funktionale Eignung“. Wichtig ist, dass Du jedes Merkmal mit eigenen Worten beschreiben kannst. Im Folgenden stehen die Merkmale der Fassung 2011, die in der Ausbildung am häufigsten verwendet wird; die Änderungen von 2023 folgen weiter unten.
Die Produktqualitätsmerkmale im Einzelnen
Ein Merkmal zu nennen heißt, seinen Namen anzugeben. Ein Merkmal zu beschreiben heißt, in ganzen Sätzen zu sagen, welche Fähigkeit der Software gemeint ist. Am überzeugendsten wird eine Beschreibung, wenn Du sie auf die konkrete Anwendung beziehst. Für jedes Merkmal findest Du deshalb eine allgemeine Beschreibung, die Teilmerkmale und ein Beispiel aus „RatzFahrt“. Die Mindmap zeigt die acht Merkmale der Fassung 2011 mit ihren Teilmerkmalen im Überblick:
Funktionale Eignung (Functional Suitability)
Die Software stellt die Funktionen bereit, die für die festgelegten Aufgaben gebraucht werden, und diese Funktionen liefern korrekte Ergebnisse.
Teilmerkmale: funktionale Vollständigkeit (alle geforderten Funktionen sind vorhanden), funktionale Korrektheit (die Ergebnisse stimmen), funktionale Angemessenheit (die Funktionen unterstützen die Aufgaben sinnvoll, ohne unnötige Schritte).
Beispiel: Alle Funktionen aus dem Pflichtenheft (Fahrt anbieten, Gesuch einstellen, Anfrage bestätigen, Bewertung) sind umgesetzt; der Kostenbeitrag wird korrekt auf höchstens 0,10 € je Kilometer begrenzt.
Leistungseffizienz (Performance Efficiency)
Die Software erbringt ihre Leistung in angemessener Zeit und mit angemessenem Verbrauch an Ressourcen (Rechenzeit, Arbeitsspeicher, Speicherplatz, Netzbandbreite, Akku).
Teilmerkmale: Zeitverhalten (Antwort- und Verarbeitungszeiten), Ressourcennutzung (Verbrauch an CPU, Speicher, Energie), Kapazität (Höchstlast, z. B. gleichzeitige Nutzende oder Datenmengen).
Beispiel: Die Angebotsliste lädt auch morgens um 7:15 Uhr, wenn viele Auszubildende gleichzeitig suchen, in unter zwei Sekunden; die Player der Flurmonitore laufen trotz schwacher Hardware flüssig.
Achtung: „Effizienz“ meint hier nicht, dass die Software schnell entwickelt wurde, sondern dass sie im Betrieb sparsam mit Zeit und Ressourcen umgeht. Je effizienter eine Anwendung arbeitet, desto eher läuft sie auch auf älterer oder kleinerer Hardware.
Kompatibilität (Compatibility)
Die Software kann mit anderen Systemen Informationen austauschen und sich die Umgebung mit anderen Programmen teilen, ohne sie zu stören.
Teilmerkmale: Koexistenz (läuft neben anderen Programmen auf derselben Umgebung, ohne sie zu beeinträchtigen), Interoperabilität (tauscht Daten mit anderen Systemen aus und kann sie nutzen).
Beispiel: Die Anmeldung läuft per Single Sign-on über das Schulkonto; die Flurmonitore zeigen die Daten neben dem Vertretungsplan an.
Benutzbarkeit (Usability)
Die Software kann von den vorgesehenen Nutzenden in ihrem Nutzungskontext wirksam, effizient und zufriedenstellend verwendet werden.
Teilmerkmale: Erkennbarkeit der Eignung (man erkennt, ob die Software zur eigenen Aufgabe passt), Erlernbarkeit, Bedienbarkeit, Schutz vor Fehlbedienung, Ästhetik der Benutzungsschnittstelle, Zugänglichkeit (Barrierefreiheit).
Beispiel: Eine Fahrt lässt sich ohne Anleitung in drei Schritten anbieten; die App ist vollständig mit einem Screenreader bedienbar; ein Versehen beim Absagen einer Fahrt wird durch eine Rückfrage abgefangen.
Wie man Benutzbarkeit gestaltet und prüft, beschreibt der Artikel Usability und Barrierefreiheit.
Zuverlässigkeit (Reliability)
Die Software erfüllt ihre Funktionen unter festgelegten Bedingungen über einen festgelegten Zeitraum stabil und fehlerfrei.
Teilmerkmale: Reife (im normalen Betrieb treten selten Fehler auf), Verfügbarkeit (die Software ist erreichbar, wenn sie gebraucht wird), Fehlertoleranz (sie arbeitet trotz Hardware- oder Softwarefehlern weiter, z. B. bei Netzausfall), Wiederherstellbarkeit (nach einem Ausfall sind Betrieb und Daten schnell wiederhergestellt).
Beispiel: An Berufsschultagen ist die App von 6:00 bis 18:00 Uhr erreichbar; fällt das WLAN kurz aus, gehen eingegebene Anfragen nicht verloren, sondern werden später gesendet; nach einem Serverabsturz sind alle Buchungen aus der Sicherung wiederhergestellt.
Sicherheit (Security)
Die Software schützt Informationen und Daten so, dass Personen und Systeme nur in dem Umfang darauf zugreifen können, der ihren Berechtigungen entspricht.
Teilmerkmale: Vertraulichkeit, Integrität, Nichtabstreitbarkeit (Aktionen können nachträglich nicht geleugnet werden), Verantwortlichkeit (Aktionen sind eindeutig einer Person zuzuordnen), Authentizität (die Identität einer Person oder Ressource ist nachgewiesen).
Beispiel: Die Flurmonitore zeigen nur anonyme Angaben; nur bestätigte Mitfahrende sehen Name und Fahrzeug; Passwörter werden nicht gespeichert, weil die Anmeldung über das Schulkonto läuft.
Das Merkmal überschneidet sich mit den Schutzzielen der IT-Sicherheit (Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit). Die Verfügbarkeit ordnet die ISO/IEC 25010 allerdings der Zuverlässigkeit zu.
Wartbarkeit (Maintainability)
Die Software kann mit geringem Aufwand analysiert, korrigiert, verbessert und an neue Anforderungen oder eine geänderte Umgebung angepasst werden.
Teilmerkmale: Modularität (Änderungen an einem Teil wirken sich kaum auf andere aus), Wiederverwendbarkeit, Analysierbarkeit (Ursachen von Fehlern und Folgen von Änderungen sind schnell zu erkennen), Modifizierbarkeit (Änderungen sind ohne neue Fehler möglich), Testbarkeit (Tests sind leicht zu erstellen und auszuführen).
Beispiel: Für das zweite Halbjahr soll eine englische Oberfläche ergänzt werden; weil alle Texte in Sprachdateien liegen, muss am Code nichts geändert werden. Die Berechnung des Kostenbeitrags steckt in einer eigenen, getesteten Klasse.
Wartbarkeit entsteht durch klare Struktur: sprechende Namen, kleine Methoden, wenig Abhängigkeiten, Dokumentation, automatisierte Tests. Je strukturierter eine Software aufgebaut ist, desto einfacher lässt sie sich später ändern. Entwurfsmuster wie Strategie oder Beobachter und Polymorphie statt langer Fallunterscheidungen dienen vor allem diesem Merkmal.
Übertragbarkeit (Portability)
Die Software kann mit geringem Aufwand von einer Hardware-, Software- oder Betriebsumgebung in eine andere übertragen werden.
Teilmerkmale: Anpassbarkeit (an andere Umgebungen, z. B. Betriebssysteme, Bildschirmgrößen), Installierbarkeit, Austauschbarkeit (kann ein anderes Produkt für denselben Zweck ersetzen oder von ihm ersetzt werden).
Beispiel: Die App läuft als Web-App in allen gängigen Browsern auf Smartphone, Tablet und PC; der Server lässt sich als Container ohne Änderungen auf einen anderen Hoster umziehen.
Merkmale zuordnen: So gehst Du vor
Oft bekommst Du Aussagen von Beteiligten oder Anforderungen aus einem Lastenheft und sollst sie einem Merkmal zuordnen. Frag Dich dabei: Welche Fähigkeit der Software ist betroffen?
| Aussage | Merkmal | Teilmerkmal |
|---|---|---|
| „Ich will auch im Funkloch auf dem Parkplatz meine Buchung sehen.“ | Zuverlässigkeit | Fehlertoleranz |
| „Die Suche dauert mir zu lange.“ | Leistungseffizienz | Zeitverhalten |
| „Ich finde den Knopf zum Absagen nicht.“ | Benutzbarkeit | Bedienbarkeit |
| „Wenn wir den Hoster wechseln, darf das kein neues Projekt werden.“ | Übertragbarkeit | Anpassbarkeit, Installierbarkeit |
| „Nach jedem Update funktioniert irgendetwas anderes nicht mehr.“ | Wartbarkeit | Modifizierbarkeit, Testbarkeit |
| „Fremde dürfen nicht sehen, wo ich einsteige.“ | Sicherheit | Vertraulichkeit |
| „Der Kostenbeitrag wird falsch berechnet.“ | Funktionale Eignung | Korrektheit |
| „Die App soll die Schulkonten nutzen.“ | Kompatibilität | Interoperabilität |
Typische Verwechslungen:
Zuverlässigkeit und Sicherheit: Zuverlässig ist eine Software, die stabil läuft; sicher ist eine, die Daten vor unberechtigtem Zugriff schützt. Ein Ausfall wegen eines Fehlers betrifft die Zuverlässigkeit, ein Datenleck die Sicherheit.
Benutzbarkeit und Wartbarkeit: Benutzbarkeit betrifft die Nutzenden der Software, Wartbarkeit das Entwicklungsteam, das den Code ändern muss.
Effizienz und Benutzbarkeit: Lange Ladezeiten sind ein Effizienzproblem, auch wenn sie die Nutzenden ärgern. Viele unnötige Klicks sind dagegen ein Benutzbarkeitsproblem.
Funktionale Eignung und Zuverlässigkeit: Ein falsches Ergebnis bei jeder Berechnung ist ein Mangel der funktionalen Korrektheit; Abstürze nach mehreren Stunden Betrieb betreffen die Zuverlässigkeit.
Qualitätsanforderungen messbar formulieren
Qualitätsmerkmale sind die Überschriften für nichtfunktionale Anforderungen. Eine Anforderung wie „Die App soll schnell sein“ hilft niemandem, weil sich nicht prüfen lässt, ob sie erfüllt ist. Formuliere deshalb messbar: Was wird gemessen, unter welchen Bedingungen, und welcher Grenzwert gilt?
| unpräzise | messbar |
|---|---|
| Die App soll schnell sein. | Die Angebotsliste wird bei 300 gleichzeitigen Nutzenden in 95 % der Abrufe in höchstens 2 Sekunden angezeigt. |
| Die App soll immer laufen. | An Schultagen ist die App von 6:00 bis 18:00 Uhr zu mindestens 99,5 % verfügbar. |
| Die App soll einfach sein. | 8 von 10 Testpersonen ohne Vorkenntnisse bieten ohne Hilfe innerhalb von 2 Minuten eine Fahrt an. |
| Die App soll barrierefrei sein. | Die App erfüllt die Kriterien der WCAG 2.2 auf Konformitätsstufe AA. |
| Die App soll leicht änderbar sein. | Jede Klasse der Geschäftslogik hat eine Testabdeckung von mindestens 80 % (Zweigüberdeckung). |
Wie Du funktionale und nichtfunktionale Anforderungen ermittelst und dokumentierst, beschreibt der Artikel zur Anforderungsanalyse.
Nicht alles auf einmal: Zielkonflikte
Qualitätsmerkmale beeinflussen sich gegenseitig, manchmal positiv, oft negativ. Da Zeit und Budget begrenzt sind, muss ein Projekt Prioritäten setzen: Welche Merkmale sind für diese Software besonders wichtig?
Sicherheit gegen Benutzbarkeit: Zwei-Faktor-Anmeldung, kurze Sitzungsdauer und strenge Passwortregeln schützen Daten, machen die Bedienung aber umständlicher.
Leistungseffizienz gegen Wartbarkeit: Hochoptimierter Code (z. B. Zwischenspeicher an vielen Stellen, zusammengezogene Berechnungen) ist schnell, aber schwer zu verstehen und zu ändern.
Übertragbarkeit gegen Leistungseffizienz: Eine plattformunabhängige Web-App läuft überall, kann aber Hardwarefunktionen schlechter nutzen als eine native App.
Zuverlässigkeit gegen Kosten und Effizienz: Ein zweiter Server für die Ausfallsicherheit erhöht Verfügbarkeit, verdoppelt aber Betriebskosten und Ressourcenverbrauch.
Funktionale Vollständigkeit gegen Benutzbarkeit: Jede zusätzliche Funktion macht die Oberfläche voller und schwerer zu erlernen.
Es gibt auch positive Wechselwirkungen: Gute Wartbarkeit (insbesondere Testbarkeit) verbessert langfristig die Zuverlässigkeit, weil Fehler schneller gefunden und behoben werden. Die Grafik fasst die Beispiele zusammen; die Betriebskosten sind kein Qualitätsmerkmal und deshalb gestrichelt umrandet.
Wie man Qualität prüft und sichert
Zu jedem Merkmal gehören passende Maßnahmen der Qualitätssicherung. Nicht jedes Merkmal lässt sich mit jeder Maßnahme prüfen:
| Merkmal | geeignete Maßnahmen |
|---|---|
| Funktionale Eignung | Blackbox-Tests gegen Pflichtenheft und Akzeptanzkriterien, Unit- und Integrationstests, Abnahmetest |
| Leistungseffizienz | Last- und Performancetests, Messung von Antwortzeiten und Speicherverbrauch, Profiling |
| Kompatibilität | Integrationstests mit Partnersystemen, Tests auf der Zielumgebung |
| Benutzbarkeit | Usability-Tests mit Nutzenden, heuristische Evaluation, Prüfung nach WCAG mit Screenreader |
| Zuverlässigkeit | Lang- und Stresstests, Ausfalltests (Netz trennen, Server neu starten), Überwachung im Betrieb, Wiederherstellung aus Backups üben |
| Sicherheit | Code-Reviews, statische Sicherheitsanalyse, Penetrationstests, Rechtekonzept prüfen |
| Wartbarkeit | Code-Reviews, statische Codeanalyse (Komplexität, Duplikate), Programmierrichtlinien, Testabdeckung messen |
| Übertragbarkeit | Installation und Tests auf verschiedenen Plattformen, Browsern und Geräten |
Daraus folgt eine typische Argumentation für eine Stellungnahme: Schlägt jemand vor, die Qualität ausschließlich mit automatischen Code-Reviews und Unit-Tests zu sichern, dann ist das ein guter Baustein – beides ist schnell, wiederholbar und findet Fehler früh, vor allem bei Wartbarkeit und funktionaler Korrektheit einzelner Klassen. Es reicht aber nicht aus: Unit-Tests prüfen nur, was die Entwickelnden selbst erwartet haben, und keine Zusammenarbeit der Komponenten; Benutzbarkeit, Leistungseffizienz unter Last, Zuverlässigkeit im Dauerbetrieb und die Abnahme durch die Auftraggebenden decken sie nicht ab. Eine Stellungnahme braucht deshalb einen klaren Standpunkt, Argumente mit Vor- und Nachteilen und einen Vorschlag, wie die Lücke geschlossen wird (z. B. zusätzliche Integrations-, System-, Last- und Usability-Tests). Mehr dazu im Artikel Teststrategie und Qualitätssicherung.
Was ist neu in ISO/IEC 25010:2023?
Die überarbeitete Fassung von 2023 behält die Grundidee bei, ändert aber einige Namen und ergänzt Merkmale:
Interaktionsfähigkeit (Interaction Capability) ersetzt die Benutzbarkeit. Neu bzw. umbenannt sind die Teilmerkmale User Engagement (statt Ästhetik), Inclusivity und User Assistance (gemeinsam statt Zugänglichkeit) sowie Self-Descriptiveness (Selbstbeschreibungsfähigkeit).
Flexibilität (Flexibility) ersetzt die Übertragbarkeit und enthält zusätzlich die Skalierbarkeit (Scalability): Die Software kann mit wachsender oder schrumpfender Last umgehen.
Betriebssicherheit (Safety) ist ein neues, neuntes Merkmal: Die Software vermeidet Zustände, in denen Menschen, Sachwerte oder die Umwelt gefährdet werden (Teilmerkmale u. a. Fail Safe und Hazard Warning). Das ist wichtig bei Software, die Maschinen, Fahrzeuge oder medizinische Geräte steuert – bei einer Mitfahrbörse spielt es kaum eine Rolle. Nicht verwechseln: Security ist der Schutz von Daten, Safety der Schutz vor Schäden.
Bei der Zuverlässigkeit heißt die Reife jetzt Faultlessness (Fehlerfreiheit), bei der Sicherheit kommt Resistance (Widerstandsfähigkeit gegen Angriffe) hinzu.
Das Modell der Nutzungsqualität wurde in eine eigene Norm, die ISO/IEC 25019, ausgelagert.
In der Mindmap der Fassung 2023 sind neue Merkmale und Teilmerkmale grün, umbenannte bzw. ersetzte rosa markiert. Für die neuen Teilmerkmale gibt es noch keine einheitlichen deutschen Namen; sie stehen deshalb auf Englisch.
Wenn eine Aufgabe nur „ISO/IEC 25010“ nennt, sind Beschreibungen nach beiden Fassungen richtig. Die Merkmale der Fassung 2011 (oder der ISO/IEC 9126) zu verwenden, ist weiterhin üblich.
Produktqualität und Nutzungsqualität
Alle bisher genannten Merkmale beschreiben die Produktqualität: Eigenschaften der Software selbst, die sich auch ohne konkrete Nutzende prüfen lassen (z. B. durch Code-Analyse oder Tests). Die Nutzungsqualität (Quality in Use) beschreibt dagegen, wie gut die Software bestimmten Menschen in einem bestimmten Nutzungskontext hilft, ihre Ziele zu erreichen. Merkmale der Nutzungsqualität sind nach ISO/IEC 25010:2011 Effektivität (Ziele werden erreicht), Effizienz (mit angemessenem Aufwand), Zufriedenheit, Risikofreiheit und Kontextabdeckung (funktioniert auch in anderen Nutzungssituationen). Die ISO/IEC 25019:2023 ordnet die Nutzungsqualität neu in drei Merkmale: Nutzen (Beneficialness, u. a. Gebrauchstauglichkeit mit Effektivität, Effizienz und Zufriedenheit sowie Zugänglichkeit), Risikofreiheit (Freedom from Risk, z. B. wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken) und Akzeptanz (Acceptability, u. a. Vertrauenswürdigkeit und Regelkonformität).
Beispiel: Die App kann technisch einwandfrei sein (hohe Produktqualität); wenn sich aber an einer Schule kaum jemand traut, mit Fremden zu fahren, bleibt die Nutzungsqualität gering. Gute Produktqualität ist Voraussetzung für gute Nutzungsqualität, garantiert sie aber nicht.
Typische Fehler
Ein Merkmal nur nennen, obwohl es beschrieben oder erläutert werden soll – oder eine Beschreibung schreiben, die nur den Namen wiederholt („Zuverlässigkeit heißt, dass die Software zuverlässig ist“).
Keinen Bezug zur Situation herstellen, wenn die Aufgabe eine bestimmte Anwendung nennt.
Effizienz als „schnell programmiert“ oder „kostengünstig“ beschreiben statt als sparsamen Umgang mit Zeit und Ressourcen im Betrieb.
Sicherheit und Zuverlässigkeit oder Benutzbarkeit und Wartbarkeit verwechseln (siehe oben).
Merkmale angeben, die keine Produktqualitätsmerkmale der Norm sind, z. B. „Preis“, „Design“ oder „Dokumentation“ als eigenes Merkmal.
Bei einem englischen Fachtext die Begriffe wörtlich falsch übersetzen: Maintainability ist Wartbarkeit (nicht „Erhaltbarkeit“), Portability ist Übertragbarkeit (nicht „Tragbarkeit“), Reliability ist Zuverlässigkeit.
Leitfragen
- Warum wird Softwarequalität in Merkmale und Teilmerkmale zerlegt, und welche Normen beschreiben diese Merkmale?
„Gute Software“ bedeutet für jede beteiligte Person etwas anderes; zerlegt in Merkmale und Teilmerkmale kannst Du Qualitätsanforderungen vollständig sammeln, Prioritäten setzen und später prüfen, ob sie erfüllt sind. Beschrieben werden die Merkmale in der ISO/IEC 25010 (Fassungen 2011 und 2023, Normenreihe SQuaRE) und in ihrer Vorgängerin ISO/IEC 9126. Siehe Abschnitt „Wo die Norm herkommt: ISO/IEC 9126 und die 25000er-Reihe“.
- Welche acht Produktqualitätsmerkmale nennt die ISO/IEC 25010:2011, und wie heißen sie auf Englisch?
Die acht Merkmale sind funktionale Eignung (Functional Suitability), Leistungseffizienz (Performance Efficiency), Kompatibilität (Compatibility), Benutzbarkeit (Usability), Zuverlässigkeit (Reliability), Sicherheit (Security), Wartbarkeit (Maintainability) und Übertragbarkeit (Portability). Siehe Abschnitt „Die Produktqualitätsmerkmale im Einzelnen“.
- Wie beschreibst Du Zuverlässigkeit, Leistungseffizienz und Wartbarkeit mit Bezug zu einer konkreten Anwendung?
Zuverlässigkeit heißt, dass die Software ihre Funktionen über einen festgelegten Zeitraum stabil erfüllt – z. B. ist die Mitfahr-App an Schultagen von 6 bis 18 Uhr erreichbar und verliert bei WLAN-Ausfall keine Anfragen. Leistungseffizienz bedeutet angemessene Zeit und sparsamen Ressourcenverbrauch im Betrieb, etwa eine Angebotsliste, die auch bei Andrang in unter zwei Sekunden lädt. Wartbarkeit heißt, dass sich die Software mit geringem Aufwand analysieren und ändern lässt, z. B. eine neue Sprache nur über Sprachdateien. Siehe Abschnitt „Zuverlässigkeit (Reliability)“, Abschnitt „Leistungseffizienz (Performance Efficiency)“ und Abschnitt „Wartbarkeit (Maintainability)“.
- Woran erkennst Du, welchem Qualitätsmerkmal eine Aussage oder Anforderung zuzuordnen ist?
Frag Dich, welche Fähigkeit der Software betroffen ist: „Die Suche dauert zu lange“ betrifft das Zeitverhalten der Leistungseffizienz, „Fremde dürfen nicht sehen, wo ich einsteige“ die Vertraulichkeit der Sicherheit. Achte auf typische Verwechslungen, etwa Ausfall (Zuverlässigkeit) gegenüber Datenleck (Sicherheit) oder Nutzende (Benutzbarkeit) gegenüber Entwicklungsteam (Wartbarkeit). Siehe Abschnitt „Merkmale zuordnen: So gehst Du vor“.
- Wie formulierst Du eine Qualitätsanforderung so, dass sie messbar ist?
Du legst fest, was gemessen wird, unter welchen Bedingungen und welcher Grenzwert gilt, z. B. „Die Angebotsliste wird bei 300 gleichzeitigen Nutzenden in 95 % der Abrufe in höchstens 2 Sekunden angezeigt“ statt „Die App soll schnell sein“. Siehe Abschnitt „Qualitätsanforderungen messbar formulieren“.
- Welche Zielkonflikte zwischen Qualitätsmerkmalen kennst Du?
Typische Zielkonflikte sind Sicherheit gegen Benutzbarkeit (Zwei-Faktor-Anmeldung macht die Bedienung umständlicher), Leistungseffizienz gegen Wartbarkeit (hochoptimierter Code ist schwer zu ändern), Übertragbarkeit gegen Leistungseffizienz (Web-App gegen native App), Zuverlässigkeit gegen Kosten (zweiter Server) und funktionale Vollständigkeit gegen Benutzbarkeit. Siehe Abschnitt „Nicht alles auf einmal: Zielkonflikte“.
- Mit welchen Maßnahmen prüfst Du einzelne Merkmale, und warum reichen Unit-Tests allein nicht aus?
Jedes Merkmal hat eigene Prüfmaßnahmen, z. B. Lasttests für die Leistungseffizienz, Usability-Tests für die Benutzbarkeit, Ausfall- und Dauertests für die Zuverlässigkeit, Penetrationstests für die Sicherheit und Code-Reviews mit statischer Analyse für die Wartbarkeit. Unit-Tests prüfen nur, was die Entwickelnden selbst erwartet haben, nicht das Zusammenspiel der Komponenten, Benutzbarkeit, Verhalten unter Last oder die Abnahme. Siehe Abschnitt „Wie man Qualität prüft und sichert“ und den Artikel zu Teststrategie und Qualitätssicherung.
- Was hat sich mit der Fassung ISO/IEC 25010:2023 geändert, und was unterscheidet Produkt- von Nutzungsqualität?
In der Fassung 2023 ersetzt Interaktionsfähigkeit die Benutzbarkeit und Flexibilität (mit Skalierbarkeit) die Übertragbarkeit, Betriebssicherheit (Safety) kommt als neuntes Merkmal hinzu, und die Nutzungsqualität wurde in die ISO/IEC 25019 ausgelagert. Produktqualität beschreibt Eigenschaften der Software selbst, Nutzungsqualität, wie gut sie bestimmten Menschen in einem Nutzungskontext hilft, ihre Ziele zu erreichen (Effektivität, Effizienz, Zufriedenheit). Siehe Abschnitt „Was ist neu in ISO/IEC 25010:2023?“ und Abschnitt „Produktqualität und Nutzungsqualität“.
Links und weitere Informationen
als Nachschlagewerk: ISO/IEC 25010:2023 „Systems and software engineering – Systems and software Quality Requirements and Evaluation (SQuaRE) – Product quality model“ (Leseprobe bei ANSI)
zum Vertiefen: Übersicht der Merkmale und Teilmerkmale mit Beispielen bei arc42 Quality Model
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