Anwendungsfall (Use Case)
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Anwendungsfall, Use Case, Akteur, Szenario, Hauptszenario, Nebenszenario, Anwendungsfallbeschreibung, Vorbedingung, Nachbedingung, Anforderungsanalyse, UML
tl/dr; (ca. 9 min Lesezeit): Anwendungsfälle stellen den Nutzen, den ein System für Benutzer*innen bereitstellt, in das Zentrum der Betrachtung. Mit ihnen können Anforderungen identifiziert und (tabellarisch oder als Diagramm) dokumentiert werden [AI-Assisted]. (Zuletzt geändert am 29.10.2026)
Dieser Artikel ist Teil einer Artikelreihe über Anwendungsfälle: Anwendungsfälle tabellarisch erfassen / Grundlagen des Anwendungsfalldiagramms (Übungsaufgaben) / Anwendungsfalldiagramme mit PlantUML / Kurzübung: Mitfahr-App.
Schon fit in diesem Thema? Nutze die Kann-Liste und die Leitfragen unter dem Artikel als Checkliste, ob Du die relevanten Kompetenzen bereits hast.
Als Anforderungsanalyse-Grundlagen kann ich nach Durchlesen des Artikels…
… erklären, was ein Anwendungsfall (Use Case) ist und welchen Nutzen er für Akteur*innen erbringt.
… Akteur*innen eines Systems identifizieren und zwischen Haupt- und Nebenakteur*innen unterscheiden.
… Szenarien als konkrete Wege durch einen Anwendungsfall erklären und Haupt- von Nebenszenarien unterscheiden.
… einen Anwendungsfall tabellarisch mit Auslöser, Vor- und Nachbedingungen sowie Haupt- und Nebenszenarien beschreiben.
… begründen, warum Anwendungsfälle nur funktionale Anforderungen beschreiben.
Darüber hinaus kann ich als Anforderungsanalyse-Expertenwissen…
… beurteilen, ob ein Anwendungsfall so geschnitten ist, dass er einen eigenen Nutzen liefert.
… Szenarien für die weitere Systemanalyse nutzen, z. B. für die Nominalextraktion in der objektorientierten Analyse.
Eine Anwendungsfallbeschreibung besteht aus wenigen, immer gleichen Bausteinen. Die Übersicht zeigt, welche das sind; in den folgenden Abschnitten werden sie einzeln erklärt.
Was ist ein Anwendungsfall?
“A use case is all the ways of using a system to achieve a particular goal for a particular user. Taken together the set of all the use cases gives you all of the useful ways to use the system, and illustrates the value that it will provide.” (Ivar Jacobson) 1
Ein Anwendungsfall (Use Case) ist eine abgeschlossene Aufgabe des beschriebenen Systems. Jeder Anwendungsfall wird durch eine*n Akteur*in ausgelöst. Anwendungsfälle müssen so geschnitten werden, dass sie selbst einen eigenen Nutzen (ein messbares Ergebnis) produzieren.
Anwendungsfälle haben folgende Eigenschaften:
Anwendungsfälle beschreiben den Nutzen, den Benutzende von einem System erwarten können. Sie können nur funktionale Anforderungen beschreiben, Qualitätsanforderungen (nicht funktionale Anforderungen) müssen anderweitig dokumentiert werden.
Sie sind für Anwendende in der Sprache der Problemdomäne und aus ihrer Perspektive geschrieben. Use-Cases enthalten somit keine Implementierungsdetails.
Sie dienen zur Abstimmung der Systemgrenzen und somit des Projektumfangs.
Die Übersicht von Anwendungsfällen eines Systems wird häufig übersichtlich in einem UML-Anwendungsfalldiagramm dargestellt. Der Aufbau jedes einzelnen Anwendungsfalls wird gesondert formuliert – z. B. tabellarisch (wie unten dargestellt) oder als Flussdiagramm (z. B. EPK oder UML-Aktivitätsdiagramm).
Was ist ein Akteur in Anwendungsfällen?
Akteur*innen stehen außerhalb des modellierten Systems und tauschen Informationen mit diesem aus. Es kann sich um menschliche Benutzer*innen oder andere Systeme handeln. Oft werden diese über Rollen dargestellt, die die Eigenschaften gegenüber dem System beschreiben (z. B. Admin, Anwendende, Besuchende).
Was sind Szenarien in Anwendungsfällen?
Szenarien präzisieren Anwendungsfälle:
Sie beschreiben aus Nutzersicht, was Akteur*innen in einem Anwendungsfall tun, sehen, erleben.
Die für den Anwendungsfall relevanten Systemmerkmale werden konkret, fokussiert und informell beschrieben.
Szenarien enthalten keine Fallunterscheidungen (“Wenn…dann…”), da jeder Weg durch das System ein eigenes Szenario darstellt.
Wie erstelle ich einen Anwendungsfall?
Identifizierung der Akteur*innen:
Wer nutzt das System direkt (=> Hauptakteur*innen) oder wird vom System indirekt unterstützt (=> Nebenakteur*innen)?
Auf wen ist das System angewiesen, um die Anforderungen erfüllen zu können (z. B. Administration) (=> Nebenakteur*innen)?
Können diese Akteur*innen in Gruppen/Rollen zusammengefasst werden?
Identifizierung der Szenarien:
Welche Szenarien führen die oben identifizierten Akteur*innen aus?
Zu welchen Anwendungsfällen können diese Szenarien zusammengefasst werden?
Tabellarische Darstellung eines Anwendungsfalls
Einzelne Anwendungsfälle können strukturiert als Tabelle dargestellt werden. Wenn es für einen Anwendungsfall viele Nebenszenarien gibt, empfiehlt es sich, diese an gesonderter Stelle zu dokumentieren.
| Name | Anzeige des Warenkorbs |
|---|---|
| Kurzbeschreibung | Stellt alle zum Kauf reservierten Artikel dar |
| Hauptakteur löst den UseCase aus |
Nutzende des Shops (angemeldete Kundschaft oder Gast) |
| Nebenakteur wird beim UseCase einbezogen |
(Im konkreten Beispiel kein Nebenakteur, denkbar wäre im Bestellprozess z.B. ein Bezahldienstleister oder ein Versanddienstleister als Nebenakteur) |
| Auslöser Was macht der Hauptakteur, damit der Anwendungsfall getriggert wird? |
Das Warenkorb-Symbol wird angeklickt |
| Vorbedingung Welche Voraussetzungen müssen für einen fehlerfreien Ablauf gegeben sein? |
Der Shop ist im Browser geöffnet. |
| Nachbedingungen kennzeichnen den Erfolgszustand / das Hauptszenario |
Ausgabeseite mit der Liste aller reservierten Waren wird ausgegeben |
| Fehlerzustand kennzeichnet ein Nebenszenario |
Dialoge, die weitere Daten erfordern (Land (VAT), Währung, privat/gewerblich) oder mit Infos zu aufgetretenen Problemen werden angezeigt |
| Hauptszenario | 1. Das Warenkorb-Symbol wird angeklickt. 2. Ein Pop-up mit einer Zusammenfassung erscheint. 3. „Details anzeigen“ wird angeklickt. 4. Die Gesamtliste der erfassten reservierten Artikel wird ausgegeben. 5. Die reservierte Menge, Preise, Nettosumme, Steuer, Bruttosumme und Versandkosten werden ausgegeben. |
| Nebenszenarien die Abfolgen werden in gesonderten Listen erfasst - hier nur die Nennung |
Leere Liste, Abfrage Währung, Abfrage privat/gewerblich, Cookies/Javascript nicht zugelassen, Artikel nicht mehr verfügbar, Preisänderung seit dem Ablegen im Warenkorb, Artikel nicht gefunden |
Mithilfe des UML-Anwendungsfall-Diagramms lässt sich eine Übersicht aller Anwendungsfälle darstellen. Für das Warenkorb-Beispiel könnte sie so aussehen: Gast und Kundin sind als Shopnutzende Hauptakteur*innen, der Bezahldienst wird beim Bestellen als Nebenakteur einbezogen.
Die Schritte einzelner Anwendungsfälle lassen sich beispielsweise mit dem UML-Aktivitätsdiagramm, dem UML-Sequenzdiagramm oder dem UML-Zustandsdiagramm darstellen.
Haupt- und Nebenszenarien und deren Nutzen im weiteren Verlauf
Es empfiehlt sich, die einzelnen Szenarien im Team gemeinsam durchzugehen, um so fehlende Abläufe zu identifizieren. Werden die Szenarien gut dokumentiert, so ist bereits ein guter Teil der Arbeit der Systemanalyse abgeschlossen.
Die Szenarien können beispielsweise genutzt werden, um per Nominalextraktion bei der Datenbankmodellierung und der objektorientierten Analyse zu helfen.
Leitfragen
- Was ist ein Anwendungsfall, und welche Bedingung muss sein Zuschnitt erfüllen?
Ein Anwendungsfall ist eine abgeschlossene Aufgabe des Systems, die von einer Akteurin oder einem Akteur ausgelöst wird. Er muss so geschnitten sein, dass er selbst einen eigenen Nutzen (ein messbares Ergebnis) liefert. Siehe Abschnitt „Was ist ein Anwendungsfall?“
- Warum lassen sich mit Anwendungsfällen keine Qualitätsanforderungen beschreiben?
Anwendungsfälle beschreiben den Nutzen, den Benutzende vom System erwarten – also das, was das System tut (funktionale Anforderungen). Wie gut, schnell oder sicher es das tut (nicht funktionale Anforderungen), muss anderweitig dokumentiert werden. Siehe Abschnitt „Was ist ein Anwendungsfall?“
- Worin unterscheiden sich Haupt- und Nebenakteur*innen?
Hauptakteur*innen nutzen das System direkt und lösen den Anwendungsfall aus. Nebenakteur*innen werden einbezogen: Sie werden indirekt unterstützt oder das System ist auf sie angewiesen, z. B. ein Bezahldienst. Siehe Abschnitt „Wie erstelle ich einen Anwendungsfall?“
- Warum enthalten Szenarien keine Fallunterscheidungen?
Ein Szenario beschreibt genau einen konkreten Weg durch das System. Jeder andere Weg – etwa bei einem Fehler oder einer Sonderanfrage – ist ein eigenes (Neben-)Szenario. Siehe Abschnitt „Was sind Szenarien in Anwendungsfällen?“
- Welche Angaben enthält eine tabellarische Anwendungsfallbeschreibung?
Name und Kurzbeschreibung, Haupt- und Nebenakteur*innen, Auslöser, Vorbedingung, Nachbedingung (Erfolgszustand), Fehlerzustand sowie das Hauptszenario als Schrittfolge und die Nebenszenarien, die gesondert beschrieben werden. Siehe Abschnitt „Tabellarische Darstellung eines Anwendungsfalls“
- Wofür lassen sich gut dokumentierte Szenarien im weiteren Projektverlauf nutzen?
Gemeinsam im Team durchgegangen, decken sie fehlende Abläufe auf. Außerdem liefern sie per Nominalextraktion Kandidaten für Klassen und Entitäten in der objektorientierten Analyse und der Datenbankmodellierung. Siehe Abschnitt „Haupt- und Nebenszenarien und deren Nutzen im weiteren Verlauf“
Links und weitere Informationen
Grundlagen des UML-Anwendungsfalldiagramms und Anwendungsfalldiagramme mit PlantUML
Verwandte Techniken der Anforderungsanalyse: User Stories, Anforderungsanalyse und Anforderungen dokumentieren
als Primärquelle: Ivar Jacobson, Ian Spence, Kurt Bittner: Use-Case 2.0 – The Guide to Succeeding with Use Cases, Ivar Jacobson International 2011
als Nachschlagewerk: Alistair Cockburn: Writing Effective Use Cases, Addison-Wesley, Boston 2000, ISBN 978-0-201-70225-5 (Anwendungsfall-Schablone mit Haupt- und Erweiterungsszenarien)
Hinweis zur Nachnutzung als Open Educational Resource (OER)
Dieser Artikel und seine Texte, Bilder, Grafiken, Code und sonstiger Inhalt sind - sofern nicht anders angegeben - lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: “Anwendungsfall (Use Case)” von oer-informatik.de (H. Stein), Lizenz: CC BY 4.0. Der Artikel wurde unter https://oer-informatik.de/anwendungsfall veröffentlicht, die Quelltexte sind in weiterverarbeitbarer Form verfügbar im Repository unter https://gitlab.com/oer-informatik/uml/uml-diagramme. Erstellt mit KI-Assistenz; von mir umfassend redaktionell überarbeitet, geprüft und freigegeben. Stand: 29.10.2026.
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Ivar Jacobson, der Initiator der UseCase-Diagramme, in “Use-Case 2.0”: https://www.ivarjacobson.com/sites/default/files/field_iji_file/article/use-case_2_0_jan11.pdf↩︎
