Übungsaufgaben zum Notfallmanagement
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Notfallmanagement, Business Continuity Management, BCM, Notfallhandbuch, Incident Response, Ransomware, RTO, RPO, Disaster Recovery, Datenkonsistenz, Übungsaufgaben, Prüfungsvorbereitung
tl/dr; (Bearbeitungszeit insgesamt 81 min, mehrere Aufgaben): Drei Übungsaufgaben zum Notfallmanagement: Nach einem Ransomwareangriff auf eine Nachbarschule bereitest Du die Notfallvorsorge eines Berufskollegs vor (Stufe 2), prüfst Wiederanlaufziele und einen Disaster-Recovery-Plan für die Fertigungssteuerung eines Rahmenherstellers (Stufe 3) und entwickelst Notfallkonzept, Datenabgleich und Incident Response für ein vernetztes Lager (Stufe 3) [AI-Assisted]. (Zuletzt geändert am 28.10.2026)
Diese Aufgaben gehören zum Artikel Notfallmanagement: Notfallkonzept, BCM, Disaster Recovery und Incident Response. Dort findest Du alle Begriffe, die Du hier brauchst.
Hinweise zur Bearbeitung: Als FIDV, IKS oder IKD musst Du zur Teil-2-Prüfung Aufgaben auf Kernkompetenz-Ebene lösen können, das ist Aufgabe 2.1. Von FIDV wird zusätzlich erwartet, dass ihnen Aufgaben auf Profilkompetenz-Ebene (Aufgabe 3.1 und Aufgabe 3.2) keine Probleme bereiten. Bearbeite die Teilaufgaben zuerst selbst und blende erst dann die Lösung ein. Die Punktzahlen helfen Dir, den erwarteten Umfang einzuschätzen; bei „nennen“ genügen Stichworte, bei „beschreiben“ und „erläutern“ erwarten die Lösungen ganze Sätze mit Wirkung oder Begründung.
Aufgabe 2.1: Notfallvorsorge für die Schulverwaltung nach einem Ransomwareangriff (Kernkompetenz)
(ca. 27 min Bearbeitungszeit)
Du bist Auszubildende*r bei der Schul-IT OWL, dem IT-Dienstleister der Schulen in Bielefeld. An einer Nachbarschule hat vor zwei Wochen ein Ransomwareangriff die Verwaltungsrechner und den Server mit den Schülerdaten lahmgelegt. Die Schulleiterin des Ratz und Rübe Berufskollegs, Petra Schulze-Albers, möchte wissen, wie gut ihre Schule vorbereitet ist. Deine Ausbilderin Svenja Krämer bittet Dich, die Unterlagen vorzubereiten.
a) Erläutere Frau Schulze-Albers, was man unter einem Ransomwareangriff versteht. (3 Punkte)
Bei einem Ransomwareangriff gelangt Schadsoftware (Ransomware, Erpressungssoftware) in das Netz der Schule, meist über einen Mailanhang oder eine Schwachstelle (1 Punkt). Sie verschlüsselt Dateien und Datenbanken, sodass Verwaltung und Lehrkräfte nicht mehr darauf zugreifen können (1 Punkt). Die Angreifenden fordern ein Lösegeld (englisch ransom), meist in einer Kryptowährung, für den Schlüssel und drohen oft zusätzlich, vorher kopierte Daten zu veröffentlichen (1 Punkt).
b) Aus dem Abschlussbericht zum Vorfall an der Nachbarschule hat Svenja Krämer vier Beobachtungen herausgeschrieben:
| Nr. | Beobachtung |
|---|---|
| 1 | Eine Verwaltungskraft öffnete den Anhang einer angeblichen Bewerbung; dabei wurde eine Schadsoftware gestartet. |
| 2 | Die Angreifenden meldeten sich danach mit einem Administratorkonto an, das eine Lehrkraft auch für E-Mails und das Surfen nutzte. |
| 3 | Die Sicherungen lagen auf einem NAS, das ständig mit dem Verwaltungsnetz verbunden war; es wurde mit verschlüsselt. |
| 4 | Niemand wusste, wer den Dienstleister alarmieren darf; die Schule erfuhr erst am nächsten Morgen vom Vorfall, und Zeugnisse mussten drei Wochen lang von Hand geschrieben werden. |
Ordne jeder Beobachtung die Phase des Angriffs bzw. der Reaktion zu, in der sie auftrat, und nenne je eine Maßnahme, die das Problem am Berufskolleg verhindert oder abgemildert hätte. (8 Punkte)
| Nr. | Phase | Maßnahme (Beispiele) |
|---|---|---|
| 1 | Erstinfektion | Schulung und Phishing-Simulation für das Verwaltungspersonal; E-Mail-Filter, der ausführbare Anhänge und Makros blockiert; aktueller Virenschutz |
| 2 | Rechteausweitung und Ausbreitung | getrennte Administratorkonten nur für Verwaltungsaufgaben (Prinzip der minimalen Rechte); Mehr-Faktor-Authentifizierung für Administratorkonten; Netzsegmentierung zwischen Verwaltung und Pädagogik |
| 3 | Verschlüsselung und Erpressung | mindestens eine Sicherung offline oder unveränderlich (z. B. Band im Tresor, unveränderlicher Cloud-Speicher), 3-2-1-Regel; regelmäßige Wiederherstellungstests |
| 4 | Reaktion und Wiederherstellung | Notfallhandbuch mit Alarmierungswegen und Zuständigkeiten, Rufbereitschaft des Dienstleisters; Notbetrieb für Zeugnisse vorbereiten (z. B. Vorlagen und ausgedruckte Notenlisten) |
Bewertung: je Zeile 1 Punkt für die Phase und 1 Punkt für eine passende, konkrete Maßnahme. Für Zeile 2 sind „Rechteausweitung“ und „Ausbreitung“ gleichwertig.
c) Svenja Krämer hat für das Berufskolleg Maßnahmen gesammelt. Ordne die acht Maßnahmen den vier Phasen des BCM-Zyklus zu und ergänze für jede Phase eine weitere passende Maßnahme. (8 Punkte)
- Den Notfallstab aus Schulleitung, Verwaltungsleitung und Schul-IT OWL einberufen.
- Feststellen, welche Verwaltungsprozesse wie lange ausfallen dürfen.
- Ein Notfallhandbuch erstellen und ausgedruckt im Sekretariat und bei der Schulleitung hinterlegen.
- Betroffene Rechner vom Netz trennen.
- Die Schülerdaten aus der Offline-Sicherung auf einen neu installierten Server zurückspielen.
- Das Verwaltungspersonal zu Phishing schulen.
- Eine Vorlage für den Elternbrief im Notfall vorbereiten.
- Nach dem Vorfall auswerten, was gut und was schlecht lief, und das Notfallhandbuch anpassen.
| Phase | Maßnahmen aus der Liste | weitere Maßnahme (Beispiele) |
|---|---|---|
| 1. Prävention und Vorbereitung | 2, 6 | Offline-Sicherung einrichten, Administratorkonten trennen, Updates zeitnah einspielen |
| 2. Notfallvorsorge | 3, 7 | Notfallübung (Tabletop) durchführen, Telefonliste mit Vertretungen, Notfallarbeitsplatz vorbereiten |
| 3. Reaktion im Notfall | 1, 4 | Notfall ausrufen und Datenschutzbeauftragte informieren, Notbetrieb mit Papierformularen starten, Beweise sichern |
| 4. Wiederanlauf und Rückkehr zum Normalbetrieb | 5, 8 | Systeme überwacht wieder in Betrieb nehmen, alle Passwörter ändern, fehlende Daten nacherfassen |
Bewertung: Zuordnung je Phase 1 Punkt (beide Maßnahmen richtig), weitere Maßnahme je Phase 1 Punkt. Die Datenerhebung in Maßnahme 2 ist die Business-Impact-Analyse.
d) Frau Schulze-Albers fragt, was im Notfallhandbuch stehen soll. Erläutere zwei Inhalte des Notfallhandbuchs am Beispiel des Berufskollegs. (6 Punkte)
Je Inhalt 3 Punkte (Nennung 1 Punkt, Erläuterung mit Bezug zur Schule 2 Punkte), z. B.:
Zuständigkeiten und Notfallstab: Das Handbuch legt fest, wer den Notfall ausruft und entscheidet (Schulleitung), wer die Technik koordiniert (Schul-IT OWL) und wer vertritt. So muss im Ernstfall niemand erst klären, wer handeln darf – das Problem aus Beobachtung 4 entfällt.
Alarmierungs- und Kommunikationsplan: Telefonliste mit Rufbereitschaft der Schul-IT OWL, Datenschutzbeauftragter und Schulträger sowie vorbereitete Texte für Lehrkräfte, Eltern und Ausbildungsbetriebe. Die Liste liegt ausgedruckt vor, weil E-Mail und Server im Notfall nicht verfügbar sein können.
Notbetrieb: wie Anwesenheiten, Noten und Zeugnisse ohne Verwaltungssoftware weiter erfasst werden (Papierformulare, Notfall-Notebook ohne Netzverbindung), damit der Schulbetrieb weiterläuft.
Wiederanlaufplan: Reihenfolge, in der Netz, Server und Verwaltungssoftware aus der Offline-Sicherung wiederhergestellt und geprüft werden, mit Zielzeiten.
e) Für die Schul-IT OWL soll zusätzlich ein Incident-Response-Plan entstehen. Nenne drei Inhalte, die darin dokumentiert sein sollten. (3 Punkte)
Je Inhalt 1 Punkt, z. B.:
- Rollen und Verantwortlichkeiten im Incident-Response-Team
- Arten von Sicherheitsvorfällen und ihre Einstufung nach Schweregrad
- Reaktionsverfahren und Checklisten je Vorfallsart (z. B. Ransomware, kompromittiertes Konto)
- Regeln für interne und externe Kommunikation
- Kontaktdaten (Dienstleister, Polizei, Aufsichtsbehörde)
- Melde- und Dokumentationspflichten
f) An der Nachbarschule waren Namen, Adressen und Noten der Schüler*innen betroffen. Nenne die Frist und die Stelle, an die eine solche Datenschutzverletzung gemeldet werden muss. (2 Punkte)
Möglichst binnen 72 Stunden nach Bekanntwerden (1 Punkt) an die zuständige Datenschutzaufsichtsbehörde, in Nordrhein-Westfalen die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (1 Punkt; Art. 33 DSGVO). Bei hohem Risiko für die Betroffenen müssen auch Schüler*innen bzw. Eltern benachrichtigt werden (Art. 34 DSGVO).
Aufgabe 3.1: Wiederanlauf der Fertigungssteuerung bei einem Rahmenhersteller (Profilkompetenz)
(ca. 27 min Bearbeitungszeit)
Du bist Auszubildende*r bei der CSB-Rad GmbH in Bielefeld und unterstützt für zwei Wochen Ole Petersen, Projektleiter Digitalisierung beim Fertigungspartner Rahmenwerk OWL GmbH in Gütersloh. Dort steuert das MES (Manufacturing Execution System) auf dem Server mes01 die Fertigung der Fahrradrahmen: Es verteilt Aufträge an die Schweißzellen S1 und S2, empfängt per OPC UA Start und Ende jedes Arbeitsschritts und meldet den Fertigungsstand an die Warenwirtschaft (ERP) von CSB-Rad. Fällt das MES aus, stehen Rohrbiegen, Schweißen und Pulverbeschichtung still.
a) Erläutere, welche Bedeutung eine schnelle Wiederherstellung des MES für das Schutzziel Verfügbarkeit hat und wie ein Ausfall den Geschäftsbetrieb von Rahmenwerk OWL und CSB-Rad beeinflusst. (4 Punkte)
Verfügbarkeit (2 Punkte): Ausfälle des MES lassen sich trotz Schutzmaßnahmen nicht vollständig verhindern (Hardwaredefekt, Softwarefehler, Angriff). Ob das System die geforderte Verfügbarkeit erreicht, hängt deshalb wesentlich davon ab, wie schnell es nach einem Ausfall mit korrekten Daten wieder bereitsteht.
Geschäftsbetrieb (2 Punkte): Ohne MES erhalten die Zellen keine Aufträge, die Fertigung steht, Personal- und Maschinenkosten laufen weiter. Individualrahmen werden später fertig, CSB-Rad kann die zugesagte Lieferzeit von 6–8 Wochen nicht halten, Kundschaft storniert oder bewertet schlecht, und es drohen Vertragsstrafen gegenüber Händlern oder öffentlichen Auftraggebern.
b) Ole Petersen hat eine Business-Impact-Analyse durchgeführt. Für den Prozess „Auftragssteuerung Fertigung“ gelten: maximal tolerierbare Ausfallzeit 8 Stunden, Recovery Time Objective (RTO) 4 Stunden, Recovery Point Objective (RPO) 1 Stunde. Beschreibe die Begriffe RTO und RPO am Beispiel des MES und begründe, warum das RTO kleiner als die maximal tolerierbare Ausfallzeit ist. (5 Punkte)
RTO (2 Punkte): die Zeit, die vom Ausfall bis zum wieder lauffähigen System höchstens vergehen darf. Spätestens 4 Stunden nach dem Ausfall muss das MES wieder Aufträge verteilen.
RPO (2 Punkte): der höchstens hinnehmbare Datenverlust, gemessen als Zeitraum vor dem Ausfall. Nach der Wiederherstellung dürfen höchstens die Rückmeldungen der letzten Stunde fehlen; der Datenstand darf also höchstens eine Stunde alt sein.
Begründung (1 Punkt): Nach dem technischen Wiederanlauf braucht es Zeit, um fehlende Rückmeldungen nachzuerfassen, den Stand mit dem ERP abzugleichen und die Zellen wieder anzufahren. Diese Zeit muss innerhalb der maximal tolerierbaren Ausfallzeit des Prozesses bleiben.
c) Bisher wird mes01 jede Nacht um 22 Uhr vollständig auf ein NAS gesichert, das im selben Serverschrank steht. Ein Test hat gezeigt, dass das Zurückspielen auf Ersatzhardware 6 Stunden dauert; einen Ersatzserver gibt es nicht, die Lieferzeit beträgt einen Arbeitstag. Prüfe, ob RTO und RPO aus b) mit dieser Lösung eingehalten werden, und nenne für jede Abweichung eine Verbesserung. (6 Punkte)
RPO nicht eingehalten (2 Punkte): Fällt der Server kurz vor 22 Uhr aus, fehlen fast 24 Stunden Rückmeldungen – fast das Vierundzwanzigfache des RPO von 1 Stunde. Verbesserung (1 Punkt): Sicherung des Transaktionsprotokolls der MES-Datenbank mindestens stündlich oder laufende Replikation auf einen zweiten Server.
RTO nicht eingehalten (2 Punkte): Schon das Zurückspielen dauert 6 Stunden statt höchstens 4; ohne Ersatzhardware kommt ein Arbeitstag Lieferzeit hinzu, sodass sogar die maximal tolerierbare Ausfallzeit von 8 Stunden überschritten wird. Verbesserung (1 Punkt): vorgehaltener Ersatzserver oder virtuelle Maschine auf einem zweiten Host, auf die per Failover umgeschaltet wird (Wiederanlauf in Minuten), oder schnellere Wiederherstellung durch Snapshots.
Zusatz (ohne Punkte): Das NAS im selben Schrank fällt bei Brand, Wasser oder Ransomware gemeinsam mit dem Server aus; eine zweite Kopie gehört an einen anderen Ort und offline (3-2-1-Regel).
d) Beschreibe drei Maßnahmen, die Rahmenwerk OWL vorbeugend planen sollte, damit eine Wiederherstellung des MES im Ernstfall schnell und zuverlässig gelingt. Die Verbesserungen aus c) zählen nicht. (6 Punkte)
Je Maßnahme 2 Punkte (Nennung 1 Punkt, Beschreibung der Wirkung 1 Punkt), z. B.:
Monitoring:
mes01, die OPC-UA-Verbindungen und die Sicherungsjobs werden laufend überwacht; bei Fehlern (z. B. Festplatte meldet Fehler, Sicherung fehlgeschlagen) wird sofort alarmiert, sodass Probleme erkannt werden, bevor ein Totalausfall eintritt.Regelmäßige Wiederherstellungstests: Mindestens vierteljährlich wird die Sicherung auf Testhardware zurückgespielt und die Zeit gemessen. So ist sicher, dass die Sicherung vollständig ist und der Ablauf im Ernstfall funktioniert.
Wiederanlaufplan: eine schriftliche Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Reihenfolge, Zugangsdaten (sicher verwahrt) und Verantwortlichen, auch ausgedruckt, damit auch eine Vertretung den Wiederanlauf durchführen kann.
Integritätsprüfung: Prüfsummen bzw. Hashwerte der Sicherungsdateien werden bei jeder Sicherung erzeugt und vor dem Zurückspielen verglichen; so wird keine beschädigte oder manipulierte Sicherung eingespielt.
Redundante Komponenten: zwei Netzteile, gespiegelte Festplatten (RAID 1/10), USV – sie verhindern, dass ein einzelner Defekt überhaupt eine Wiederherstellung nötig macht.
e) Der Hersteller der MES-Software hat einen Leitfaden für die Wiederherstellung veröffentlicht. Darin heißt es:
Recovery sequence after a total loss of the MES server
Restore the operating system and the network configuration first, so that the server can reach the directory service and the licence server. Then restore the MES database from the most recent consistent backup and apply all transaction log backups that were taken after it. Start the MES application only when the database check has completed without errors. Reconnect the production cells one by one and confirm that each cell reports its current state. Finally, compare the open orders in the MES with the orders in the ERP system and correct any differences before you release new orders to production.
Gib die Reihenfolge der Wiederherstellung mit eigenen Worten auf Deutsch wieder und erläutere, warum der Abgleich mit dem ERP vor der Freigabe neuer Aufträge nötig ist. (5 Punkte)
Reihenfolge (3 Punkte):
- Betriebssystem und Netzwerkkonfiguration des Servers wiederherstellen, damit er Verzeichnisdienst und Lizenzserver erreicht.
- Die MES-Datenbank aus der letzten konsistenten Vollsicherung zurückspielen und alle danach gesicherten Transaktionsprotokolle nachspielen.
- Die MES-Anwendung erst starten, wenn die Prüfung der Datenbank fehlerfrei war.
- Die Fertigungszellen einzeln wieder verbinden und prüfen, ob jede ihren aktuellen Zustand meldet.
- Die offenen Aufträge im MES mit denen im ERP vergleichen und Unterschiede korrigieren, bevor neue Aufträge freigegeben werden.
Erläuterung (2 Punkte): Zwischen der letzten Sicherung und dem Ausfall können Aufträge im ERP neu angelegt, geändert oder storniert worden sein, und Zellen können Arbeitsschritte erledigt haben, deren Rückmeldung verloren ging. Ohne Abgleich würden Rahmen doppelt oder gar nicht gefertigt oder mit veralteten Daten (z. B. falscher Farbe) produziert.
f) Ole Petersen vergleicht zwei Lösungen für den Fall, dass der Serverraum in Gütersloh komplett ausfällt (z. B. durch Brand):
- Lösung A: Die virtuelle Maschine
mes01wird laufend auf einen zweiten Virtualisierungshost bei CSB-Rad in Bielefeld-Sennestadt repliziert (Abstand höchstens 5 Minuten); bei Ausfall wird dort gestartet. - Lösung B: Ein Cloud-Anbieter stellt im Notfall innerhalb von 2 Stunden eine leere virtuelle Maschine bereit; die nächtliche Sicherung wird in die Cloud kopiert und muss eingespielt werden (wie in c) etwa 6 Stunden).
Ordne beide Lösungen der Art des Ausweichstandorts zu und beurteile, welche Lösung die Anforderungen aus b) erfüllt. (4 Punkte)
Lösung A entspricht einer Hot Site (laufend synchronisiert), Lösung B einer Warm Site (Infrastruktur vorhanden, Daten müssen eingespielt werden). (2 Punkte)
Beurteilung (2 Punkte): Lösung A erfüllt RPO (höchstens 5 Minuten Datenverlust ≤ 1 Stunde) und RTO (Start der replizierten Maschine in Minuten). Lösung B verfehlt beides: Bereitstellung 2 Stunden plus Einspielen 6 Stunden = 8 Stunden > RTO 4 Stunden, und mit der nächtlichen Sicherung bis zu 24 Stunden Datenverlust > RPO 1 Stunde. Empfehlung: Lösung A; zusätzlich muss geklärt werden, ob die Fertigungszellen in Gütersloh die Maschine in Sennestadt über die Standortverbindung erreichen.
Aufgabe 3.2: Notfallkonzept, Datenabgleich und Incident Response für ein vernetztes Lager (Profilkompetenz)
(ca. 27 min Bearbeitungszeit)
Du bist Auszubildende*r bei der CSB-Rad GmbH. Im Kleinteilelager „Lager 4.0“ in Bielefeld-Sennestadt haben Teile keinen festen Platz: Das Lagerverwaltungssystem (LVS) auf dem Lagerserver weist jedem eingehenden Teil einen gerade freien Platz zu, MDE-Geräte scannen die Teile, und ein fahrerloses Transportfahrzeug (FTS) bringt sie zur Montage. Ohne LVS weiß niemand, wo welches Teil liegt. Außerdem senden die vernetzten Lastenräder „CSB-Rad Connect“ der Kundschaft regelmäßig Meldungen (Standort, Akkustand, Schlosszustand) an einen Server von CSB-Rad.
a) Beschreibe drei technische Maßnahmen, mit denen die IT Ausfällen und Fehlern im Lager 4.0 vorbeugen kann. (6 Punkte)
Je Maßnahme 2 Punkte (Nennung 1 Punkt, Beschreibung mit Wirkung 1 Punkt), z. B.:
Redundanter Server mit Failover: Das LVS läuft auf zwei Servern bzw. als virtuelle Maschine in einem Cluster; fällt einer aus, übernimmt der andere automatisch, und die Lagerplatzdaten bleiben verfügbar.
USV und Netzersatz: Server, Switches und Access Points hängen an einer unterbrechungsfreien Stromversorgung, sodass ein kurzer Stromausfall den Betrieb nicht unterbricht und Server bei längeren Ausfällen geordnet herunterfahren.
Redundantes WLAN: überlappende Funkzellen mehrerer Access Points, damit MDE-Geräte und FTS bei Ausfall eines Access Points weiterarbeiten.
Plausibilitätsprüfung und Sensoren: Waage oder Lichtschranke am Lagerplatz bzw. Pflichtscan des Lagerplatz-Codes bestätigen, dass ein Teil wirklich am zugewiesenen Platz liegt; Fehleinlagerungen werden sofort erkannt.
Monitoring: Überwachung von LVS, Datenbank, Akkuständen der MDE-Geräte und FTS mit Alarm, bevor ein Ausfall eintritt.
b) Für das Lager 4.0 soll ein Notfallkonzept entstehen. Beschreibe drei Bestandteile, die darin geregelt sein sollten, und gehe dabei auf die Besonderheit ein, dass Teile keinen festen Platz haben. (6 Punkte)
Je Bestandteil 2 Punkte, z. B.:
Zuständigkeiten und Alarmierung: wer bei einem LVS-Ausfall entscheidet (Bastian Ludwig als Lagerleitung), wer die IT alarmiert, wie die Rufbereitschaft erreichbar ist und wann der Notfall ausgerufen wird.
Notbetrieb: Das LVS erzeugt laufend (z. B. stündlich) eine Lagerplatzliste als PDF, die auch ohne Server lesbar ist (ausgedruckt oder auf einem Notebook offline). Damit können Teile im Notfall manuell gefunden werden; neue Einlagerungen werden auf Papier mit Platz und Teilenummer notiert.
Wiederanlaufplan: Reihenfolge der Wiederherstellung (Netz, Datenbank, LVS, MDE-Geräte, FTS) mit Zielzeiten und den Schritten zur Nacherfassung der im Notbetrieb notierten Bewegungen.
Maßnahmenplan für typische Fehler: Checklisten, z. B. für den Ausfall eines Access Points, des FTS oder der Datenbank.
Kommunikation: wer Montage, Versand und Kundschaft über Verzögerungen informiert.
c) Ein Lastenrad steht eine Stunde in einer Tiefgarage ohne Mobilfunkempfang. Die Meldungen erreichen den Server in dieser Zeit nicht. Erläutere die Schritte in der richtigen Reihenfolge, mit denen nach dem Wiederherstellen der Verbindung die Konsistenz der Daten auf dem Server wiederhergestellt wird. (6 Punkte)
- Lokal puffern: Das Rad speichert die Meldungen während der Unterbrechung in einem nichtflüchtigen Speicher, jeweils mit Zeitstempel und fortlaufender Nummer, damit nichts verloren geht.
- Lücke erkennen: Nach dem Wiederverbinden vergleicht der Server die zuletzt empfangene Nummer mit der aktuellen und stellt fest, welche Meldungen fehlen.
- Nachübertragen: Das Rad sendet die gepufferten Meldungen (älteste zuerst); erst wenn der Server den Empfang bestätigt, löscht das Rad sie aus dem Puffer.
- Abgleichen: Der Server sortiert die Meldungen nach Nummer bzw. Zeitstempel ein und verwirft Dubletten; der aktuelle Zustand (z. B. Schloss geschlossen) wird aus der neuesten Meldung gebildet.
- Prüfen: Abschließend wird geprüft, ob die Nummernfolge lückenlos und die Werte plausibel sind (Integritätsprüfung).
Bewertung: mindestens drei sinnvolle Schritte in richtiger Reihenfolge, je Schritt 2 Punkte (Benennung und Erläuterung).
d) Nach dem Wiederverbinden empfängt der Server von einem Rad Meldungen mit diesen Nummern in dieser Reihenfolge. Zuletzt vor der Unterbrechung hatte er die Nummer 2040 erhalten.
2043, 2041, 2042, 2046, 2042, 2045, 2047
Gib an, welche Meldung fehlt, welche doppelt ankam und in welcher Reihenfolge die Meldungen gespeichert werden. (3 Punkte)
- Es fehlt die Meldung 2044 (1 Punkt); der Server fordert sie erneut an.
- Doppelt kam die Meldung 2042 (1 Punkt); die zweite wird verworfen.
- Gespeicherte Reihenfolge:
2041, 2042, 2043, (2044 nach Nachlieferung), 2045, 2046, 2047(1 Punkt).
e) An einem Montagmorgen meldet eine Lagermitarbeiterin, dass sich auf dem Lager-PC am Wareneingang keine Dateien mehr öffnen lassen und eine Lösegeldforderung auf dem Bildschirm steht. Auf dem PC werden auch Versandetiketten mit Namen und Adressen der Kundschaft gedruckt. Ordne die folgenden Tätigkeiten den Phasen der Incident Response zu und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge. (5 Punkte)
- Den Lager-PC aus einer sauberen Sicherung bzw. neu aufsetzen und überwacht in Betrieb nehmen.
- (B) Den Lager-PC vom Netz trennen und die betroffenen Benutzerkonten sperren.
- (C) In einer Nachbesprechung klären, wie die Schadsoftware hineinkam, und das Notfallhandbuch anpassen.
- (D) Feststellen, welche weiteren Systeme betroffen sind und ob Daten abgeflossen sind.
- (E) Die ausgenutzte Schwachstelle schließen und alle Passwörter ändern.
| Reihenfolge | Tätigkeit | Phase |
|---|---|---|
| 1 | (D) Ausmaß feststellen | Erkennung und Analyse |
| 2 | (B) PC trennen, Konten sperren | Eindämmung |
| 3 | (E) Schwachstelle schließen, Passwörter ändern | Beseitigung |
| 4 | (A) PC neu aufsetzen, überwacht in Betrieb nehmen | Wiederherstellung |
| 5 | (C) Nachbesprechung, Handbuch anpassen | Nachbereitung |
Bewertung: je Tätigkeit 1 Punkt für Phase und Platz. Auch die Reihenfolge B vor D ist richtig, wenn begründet wird, dass das sofortige Trennen die Ausbreitung stoppt und die Analyse danach erfolgt; die erste Analyse beginnt in der Praxis meist schon mit der Meldung.
f) Cem Sarıkaya, Geschäftsführer Technik und IT, fragt, ob und wem CSB-Rad den Vorfall melden muss. CSB-Rad hat 38 Beschäftigte und 9,6 Mio. € Jahresumsatz. Beurteile die Meldepflichten nach dem BSI-Gesetz (NIS-2) und nach der DSGVO. (4 Punkte)
NIS-2/BSIG (2 Punkte): Die Meldepflichten an das BSI gelten für besonders wichtige und wichtige Einrichtungen bestimmter Sektoren, in der Regel ab 50 Beschäftigten oder mehr als 10 Mio. € Jahresumsatz (und Jahresbilanzsumme). Als Fahrradhersteller gehört CSB-Rad grundsätzlich zu einem erfassten Sektor (verarbeitendes Gewerbe, sonstiger Fahrzeugbau, NACE C30; NIS-2-Richtlinie Anhang II bzw. Anlage 2 BSIG), ausgeschlossen wird die Pflicht nur durch die Größe: CSB-Rad liegt mit 38 Beschäftigten und 9,6 Mio. € darunter und ist daher voraussichtlich nicht meldepflichtig; eine freiwillige Meldung an das BSI ist möglich.
DSGVO (2 Punkte): Auf dem PC wurden personenbezogene Daten der Kundschaft verarbeitet. Kann ein Zugriff oder Abfluss nicht ausgeschlossen werden, liegt eine Verletzung des Schutzes personenbezogener Daten vor. CSB-Rad muss sie möglichst binnen 72 Stunden nach Bekanntwerden der Datenschutzaufsichtsbehörde (in NRW der Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit) melden (Art. 33 DSGVO), außer der Vorfall führt voraussichtlich nicht zu einem Risiko für die Betroffenen; bei hohem Risiko auch die Kundschaft benachrichtigen (Art. 34 DSGVO).
Zusatz (ohne Punkte): Eine Anzeige bei der Polizei (Zentrale Ansprechstelle Cybercrime) und die Information der Cyberversicherung sind sinnvoll.
Links und weitere Informationen
Notfallmanagement: Notfallkonzept, BCM, Disaster Recovery und Incident Response – der Artikel zu diesen Übungsaufgaben
Datensicherung und Archivierung und Angriffe und Schadsoftware
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